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Neulich im Netzwerk

Neulich im Netzwerk vom 15.01.2013

Unwort des Jahres - Das Unwort des Jahres 2012 ist also: Opfer-Abo. Aus der Begründung: „Im Herbst 2012 sprach Jörg Kachelmann in mehreren Interviews davon, dass Frauen in unserer Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten. Mit ihm könnten sie ihre Interessen in Form von Falschbeschuldigungen – unter anderem der Vergewaltigung – gegenüber Männern durchsetzen. Das Wort „Opfer-Abo“ stellt in diesem Zusammenhang Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.“ Das hält die Jury für grob unangemessen. Das Wort verstößt damit auch gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer. Die Jury kritisiert einen Wortgebrauch, der gängige Vorurteile in Bezug auf eine Vortäuschung von Vergewaltigungen oder eine Mitschuld der Frauen bestätigt. Ausdrücke dieser Art drohen letztlich den zivilgesellschaftlichen und juristischen Umgang mit sexueller Gewalt in bedenklicher Weise zu beeinflussen. Dass Herr Kachelmann hier für seine Wortwahl abgestraft wird, ist doppelt bedenklich. Ist der Mann doch intelligent und sprachgewandt genug, seine Worte bewusst zu setzen. Das heißt, anstelle des Inhalts wurde die Form gerügt. Darüber hinaus bekommt der Medien-Profi mit dieser Wahl wieder eine öffentliche Bühne, auf der er sich und seine frauenfeindlichen Meinungen erneut präsentieren kann. Ein aus meiner Sicht besserer Kandidat war Phillip Rösler mit seiner „Anschlussverwendung“. Der Minister hatte den von Entlassungen betroffenen Frauen der Drogeriekette Schlecker empfohlen, selbst eine neue Arbeit zu finden und dies als "Anschlussverwendung" bezeichnet. Insgesamt gab es mehr als 2200 Vorschläge. Dabei waren neben der Röslerschen „Anschlussverwendung“ die „Schlecker-Frauen», "Gerechtigkeitsterror", "Sozialromantik" und "Kampfradler" für Fahrradfahrer, die sich zunehmend rücksichtlos verhalten. Die Unworte werden übrigens seit 1991 gekürt. Dabei zählt nicht die Zahl der Einsendungen. Dann könnte ja manipuliert werden, indem man einfach Massen mobilisiert. (Ja, es gibt durchaus noch Menschen, die glauben, dass man heut zu Tage Massen für so etwas mobilisieren könne). Das «Unwort des Jahres 2011» war «Döner-Morde», eine Bezeichnung für eine rechts-terroristische Mordserie. 2010 war es der Begriff «alternativlos» gewesen. Es wurde sogar ein Unwort des 20. Jahrhunderts gewählt. Nämlich: Menschenmaterial.
Bei der Aktion «Unwort des Jahres» soll eigentlich auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam gemacht werden. Dadurch wollen die Initiatoren das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern. Aber mal ehrlich: Haben Sie schon mal mit jemandem das „Unwort des Jahres“ diskutiert? Haben Sie schon einmal Leute darüber reden hören? Am Ende interessiert das doch nur eine kleine Minderheit. Sieht man ja auch an der Zahl von gerade mal 2200 Einsendungen.
Kritiker behaupten, dass ein Begriff durch diese Wahl erst richtig ins Bewusstsein rückt und dadurch häufiger benutzt wird. Dass also das Wort dadurch überhaupt erst bekannt wird, während es vorher nur in irgendwelchen Nischen vorgekommen ist. Das hat es schon bei einigen Wahlen gegeben. Aber, wenn das Wort vorher nicht bekannt war und man nicht nur das Wort, sondern auch die Erklärung liest, dann wird einem bewusst, inwieweit Sprache verunglimpfend, diskriminierend und menschenunwürdig sein kann.
Sprachliche Ausdrücke werden dadurch zu Unwörtern, dass sie von Sprechern entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen verwendet werden, und das im öffentlichen Kontext. Die Kritik daran ist Ausdruck der Hoffnung auf mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln. Diese Hoffnung allerdings teile ich nicht. Schon Victor Klemperer hat mehr oder weniger vergeblich dagegen angeschrieben, dass Menschen gedankenlos mit ihrer Sprache umgehen. Und wenn man in Interviews mit der Jury des Unwortes Begriffe liest wie „Krass“, dann macht mir das auch nicht gerade Mut und Hoffnung für die Zukunft unserer Sprache.



(Grit Hasselmann)

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