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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 15.05.2005

Alexa Hennig von Lange: Relax - "Ohne Nagellack habe ich ja echt kein Selbstwertgefühl mehr." So steht es in einem der unmöglichsten Texte, der mir seit langem begegnet ist. Er ist betitelt mit "Relax", geschrieben hat ihn Alexa Hennig von Lange. Und in der Hörbuchausgabe liest die Autorin. Ein Dilemma, schon von Beginn an: von Lange ist sympathisch. Nicht vor allem, aber sie ist sympathisch, auch wenn sie liest!

Was ist das für ein Text, dem diese Lesung zugrundeliegt? Im Booklet zur CD steht, er sei "Ein Flug durch ein Wochenende. Schnell geschnitten, mit rasanten Dialogen. Naiv, komplett unmoralisch und schreiend komisch. Liebe und Sehnsucht zwischen München und Las Vegas. Alle sind auf der Suche nach dem Thrill, dem Glück, der großen Party ihres Lebens: Die letzte Generation vor der Jahrtausendwende. Abfeiern ist angesagt - bis zum Umfallen. [..] Selten zuvor wurde so authentisch über eine lebens- und liebeshungrige Generation geschrieben." Im Booklet ist zudem eine Presse-Stimme abgedruckt: "Was für ein Roman! Jede Menge Tempo, speedige Dialoge und Humor, und dann noch Tiefgang. Ein starker Erstling. So gut wie 'Trainspotting', aber um die weibliche Sicht ergänzt." Auf Rückseiten von Büchern und CD-Hüllen stehen ja immer die guten Kritiken.

Mit Recht gibt es genügend vernichtende Kritik, z.B. diese hier: "'Relax', ein Floproman. [..] Mit 'Liebe, Sex und Zärtlichkeit' der Bravo ist man aber besser beraten. Und die Darstellung einer unreifen Beziehung, in der keiner genau weiß, was los ist und worum es eigentlich geht, hat es auch schon zuhauf gegeben. Damals noch nicht in poppigen, bunten Covern, sondern hellblau, mit rosa Schriftzug. Dieser literarische Vorläufer der deutschen Seifenoper hieß nicht 'Relax', sondern 'Denise' und ist in dem lauten Geschrei der Neunziger vergessen worden. Schade eigentlich." (Jan Brandt, Jungle World) oder: "Der Klappentext ('Ein Frauenroman, der Hedwig Courths-Mahler die Schamesröte ins Gesicht triebe und Alice Schwarzer die Puschen auszieht') ist übrigens noch das witzigste am ganzen Buch." (Matthias Kehle, matthias-kehle.de)

Wollen wir mal hineinsehen? Zu Beginn lernt man drei wichtige Begriffe der Jugendsprache anno 1997 kennen, und zwar "echt", "original" und "rattern". Die ersten beiden sind Füllwörter, was "rattern" bedeutet, erschließt sich durch den Zusammenhang. "Relax" soll der "Roman ihrer Generation" sein, von Lange befaßt sich mit den beiden Themen, für die sich die Kids von heute interessieren: Sex und Drogen. Aber da Sex-Phantasien und die Komplexität eines Drogenrausches dank der Oberflächlichkeit im Verborgenen bleiben, geht es schließlich doch um die Liebe. Das Buch erzählt in wechselnden Perspektiven die verhinderte Liebesgeschichte eines jungen Pärchens. Sie lieben, aber finden sich nicht. Man erfährt nicht, wie alt denn Chris und "die Kleine" nun eigentlich sind, so wie man übrigens auch nicht den Namen der "Kleinen" erfährt. Der Rest wäre schnell erzählt - lassen wir es, er bewegt sich sprachlich und inhaltlich stets auf der gleichen Ebene mit den immer gleichen Themen- und Wortschleifen. Drogen aller Art werden bis zum Umfallen geschluckt, geraucht oder geschnupft, über Sex wird nur geredet, vor allem übers Onanieren. Alexa Hennig von Langes Debut-Roman 'Relax' besteht ausschließlich aus Monologen und Dialogen: Bevor Chris oder 'seine Kleine' ein Wort sagen, denken sie es vor sich hin, und zwar in der quälenden Trägheit des Drogenrausches.

Aber reicht das für ein Buch? Alles wegschreiben? "Schreiben hat mir geholfen, Dinge zu begreifen. Und es erfüllt für mich eine Sehnsucht, eine Sehnsucht nach einem Zuhause." sagt Alexa Hennig von Lange. Und wozu sollen wir das Buch lesen? "Pubertät ist die tollste, aber auch schrecklichste Zeit. Es ist eine Zeit, in der so viel passiert wie wahrscheinlich nie wieder im Leben, weil man erwachsen wird. Man sieht plötzlich, wie groß die Welt ist, und die Möglichkeiten, die offen liegen: Man verliebt sich das erste Mal, zieht von Zuhause aus und in eine eigene Wohnung ein. Man verlässt die Familie so langsam und begibt sich in eine Art neue Familie. Gleichzeitig ist diese Zeit aber auch von Abschied geprägt: Abschied aus dem Kinderzimmer, dem Elternhaus, von der alten Kleidung, dem Kinderkörper... Und es ist ein Neuanfang, bei dem aber absolut noch nicht klar ist, wohin er führt. Man ist ungeduldig und will wissen: Was wird aus meinem Leben? Man weiß, da wartet so viel, was spannend und großartig sein kann." Nun, da können sich die jungen Leute beim Lesen vielleicht wiedererkennen, aber das hat es vor "Relax" nunmal alles schon gegeben, nur daß es hier - Achtung: Neu! - zum Großteil so lebensnah klingt wie die Unterhaltungen von Jugendlichen im ÖPNV. Danke, aber könnte ich da nicht auch schlicht Busfahren und Gymnasiasten auf dem Schulweg zuhören?

Ist "Relax", wie der Schreibstil vermuten lassen könnte, vielleicht eine Art "ganz persönliches Buch"? Beim Erscheinen ist Alexa Hennig von Lange im vierten Monat schwanger, aber ob sie zusammen mit dem Vater ihres Kindes alt werden will, weiß die 25-jährige da noch nicht. In einer Talkshow verriet sie uns neulich, daß sie auf jeden Fall finanziell unabhängig sein und bleiben wolle. Und das macht sie, in dem sie Bücher schreibt. Durch die Medien ist sie bekannt geworden, durch die Medien "gehyped". Eine Medienlaufbahn? Als Tochter eines Architekten geboren schreibt sie bereits mit acht Jahren erste Kurzgeschichten, will Schmuck- und Grafik-Design studieren, schreibt sich aber für Germanistik und Philosophie ein, begleitet eine Freundin nach Berlin zu einem Vorstellungstermin, bekommt aber selbst einen Job bei einer TV-Produktionsfirma, wird für diverse Werbespots und Musikvideos vor die Kamera geholt, moderiert von 1995 bis 1996 eine Kindersendung bei Kabel 1 und schreibt dann nach Dialogen für die RTL-Soap 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten' ihren Roman 'Relax'. Auf die Frage, wie sie es geschafft habe, so schnell in der Literaturszene Fuß zu fassen, sagt die junge Schriftstellerin in einem Interview: "'Relax' wollte zunächst kein Verlag herausbringen. Sie konnten mein Buch nicht richtig in eine Sparte einordnen. Schließlich erschien es dann doch in einem Hamburger Independent-Verlag. Viele Menschen haben es gelesen und es sorgte für Diskussionsstoff. Dadurch wurde ich zu Talkshows eingeladen, wo 'Relax' nochmal einer breiteren Masse bekannt gemacht wurde. So kam der Stein ins Rollen." Leider.

Denn nun muß ich mich meinerseits wiederholen. Im Fernsehen sah ich sie kürzlich mit eigenen Augen in Roberto Cappellutis 'Late Lounge', und da hat sich mein Eindruck bestätigt: Auch wenn sie absolut nichts zu sagen hat, sie ist und bleibt schlicht sympathisch. Und das reicht so weit, daß ich mir die Hörbuchfassung von "Relax" mit Freude anhöre und die CD letzten Endes sogar neben Michel Houellebecq, Robert Merle und Stanislaw Lem stehen darf.

(Charles Ott)

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