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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 08.05.2005

Michel Houellebecq: Elementarteilchen - Die Hörspielversion des Romanes "Elementarteilchen" ist mit 2 CDs und guten 2 Stunden Spielzeit zu lang für eine Fahrt zum Einkaufszentrum und zurück. Eine Empfehlung gleich zu Beginn: Man sollte sich dort das Buch "Elementarteilchen" von Michel Houellebecq besorgen und es irgendwann später einmal mit dem gleichnamigen Hörspiel vergleichen. Warum ich für's erste nicht die CDs sondern das entsprechende Buch empfehle? Dazu später mehr. Nur soviel: Es geht um Houellebecqs Art zu schreiben. Aber betrachten sollte ich es nun trotzdem: "Elementarteilchen" ist ein Hörspiel mit Texten des Buches "Elementarteilchen" in einer großartig dramatischen Bearbeitung mit ausgezeichneten Sprechern, guter Musik und hoher atmosphärischer (oder elementarer?) Dichte.

Ich vermute, fast jeder, der das Hörspiel ein erstes Mal hört, wird zunächst nicht begreifen, worum es hier geht. Wie kann man den Inhalt zusammenfassen? "'Elementarteilchen' ist die Doppelbiographie zweier Halbbrüder, verfaßt in einer mittelfernen Zukunft, in der die letzten einander noch sexuell reproduzierenden Menschen gerade im Aussterben begriffen sind (und dieses Aussterben stoisch als Faktum akzeptieren), erzählt von anonymen Post-Menschen, die auf sexuelle Reproduktion nicht mehr angewiesen sind, sich durch Klonierung vermehren und von diversen unangenehmen menschlichen Eigenschaften (wie Individualismus) befreit sind. Es handelt sich sozusagen um eine Schöpfungsgeschichte - denn der eine der beiden Brüder, Michel, hat jene Entdeckung gemacht, durch die die Nach-Menschen erst in die Welt gekommen sind; sozusagen Genesis und Genetik zusammengedacht. Das alles allerdings erfährt man erst durch ein Postscriptum." (Peter Praschl, Stiftung Sofatest) - So ist es, wenn man das Buch liest.

Michel Houellebecq erzählt als namenloser Autor aus einer ferneren Zeit zu uns ins Heute. Er blickt also zurück auf das Leben von Michel Jerzinski, der als Mikrobiologe die Grundlagen schuf, auf denen aufbauend im Jahr 2029 eine neue Spezies Mensch geschaffen wurde. Nicht dieses Konstrukt allein macht es dem Hörspielhörer so kompliziert, mehr noch springt auch die Handlung vor und zurück in der Zeit, und während man mit dem Buch in der Hand eher noch einmal über das Gelesene reflektieren könnte - sprich: zurückblättern -, so schreiten die Zahlen der Player-Anzeige unaufhörlich voran, und um beim ersten Hören wirklich alles mitzubekommen, müßte man schon immer wieder anhalten und ein, zwei CD-Tracks zurückspringen. Aber wer macht das schon? So lernen wir hörend die beiden Halbbrüder kennen, erfahren einiges aus Jugend, Kindheit, Elternhaus, ein wenig Pubertät, Schule, Arbeitsleben, wir streifen die Leute, die das Leben der beiden bestimmen und prägen werden. Michel beginnt, mit der Welt "draußen" aus rein biochemischen Interesse zu spielen, entwirft eine Theorie zur genetischen Verbesserung des Menschen, Studienobjekt ist sein Halbbruder Bruno, der ebenso wie er zum Außenseiter wurde. Michel beobachtet Brunos Rückschläge und seine wachsende Verbitterung.

Mit "Warum können wir bloß nie, nie geliebt werden?" greift Kristian Kißling (u-lit.de) in einem Text über Houellebecq eine Textzeile auf von Houellebecq. Auch mehrfaches Hören des Werkes gibt keine Antwort darauf, obwohl dies eine der Hauptfragen von "Elementarteilchen" und Houellebecq zu sein scheint. Die Ähnlichkeiten zwischen Autor und seinen Hauptpersonen sind auffällig - dazu könnte man nun Biografien, das Booklet der CD sowie natürlich den Text selbst heranziehen, doch an dieser Stelle würde das zu weit führen. Und Kißling schreibt: "Wer glaubt, Informatiker können nicht schreiben, wird nach dem Lesen der Romane des Franzosen Michel Houellebecq seine Ansichten über Bord werfen müssen." Es wird noch zu lesen sein, daß es auch ganz andere Meinungen über Michel Houellebecq gibt. "Noch immer gelten Informatiker als unsoziale Stubenhocker, die glücklich sind, wenn man sie mit der Maschine in eine Zelle sperrt. Zwar wurden sie im Zuge der Info-Revolution plötzlich rehabilitiert, in die obersten Gehaltsklassen gespült und durften einen enormen Prestigegewinn verbuchen, aber sie legen noch immer keinen Wert auf ihr Äußeres und schuften oft in kleinen Firmen, die sich Start-Ups nennen." (Kristian Kißling, u-lit.de)

Kurze Pause und dann noch einmal ein Zital von Kristian Kißling: "Es fällt auf, daß diese Lebensphilosophien sich [in Houellebecqs Romanen, Anm. co] sehr gleichen, daß die Erfahrungen, die gemacht werden, meist negative sind. [..] Die Menschen bei Houellebecq sind einsam. Als Informatiker oder Biochemiker sind sie gefangen in einer rationalen Welt." Fatal. Bruno wird aufgrund von sexuellen Vorfällen auf eigenen Wunsch in die Psychatrie eingewiesen und verbringt den Rest seines Lebens dort, Michel geht nach Irland und arbeitet in einem Labor und per Superrechner an Versuchen zur Genreplikation und findet ein stabiles Klonverfahren; seine Notizen sind eine Mischung aus wissenschaftlichen Überlegungen, persönlichen Aufzeichnungen und philosophischen Gedanken. Bis hierher gut mitgekommen? Natürlich, denn das ist schon wieder Romanleserwissen, im Hörspiel erfährt man das in dieser Ausführlichkeit nicht. Jedoch dem Eindruck, den das Hörwerk hinterläßt, schadet die auferlegte Kürze nicht - es hieße Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Wenn Gundermann der singende Baggerfahrer war, dann ist Houellebecq der schreibende Informatiker. Erwähnt wurde schon, daß Houellebecq auf dem Literaturmarkt nicht nur gelobt wird. Das "Magazin für Verrisse aller Art" schreibt: "Verstünde Michel Houellebecq vom Schreiben soviel wie von Masturbation, der Nobelpreis wäre ihm sicher, aber wenigstens hat er uns eine Erkenntnis geliefert, für die wir ihm danken sollten: Nicht nur in Deutschland gibt es Autoren, die nicht erzählen können. Mit Houellebecq liegt Frankreich in dieser Hinsicht EU-weit auf der Überholspur. Sein Buch ELEMENTARTEILCHEN ist eine jener Romanleichen, die immer dann entstehen, wenn Autoren versuchen, Weltbilder, philosophische Ideen, Gesellschaftstheorien und andere Nebensächlichkeiten mit erzählerischen Mitteln ins Bewußtsein ihrer Leser zu stemmen. Unerträglich, wenn sie auch noch Schreibtheorien dazu ausknobeln. Autoren dieser Art gibt es jede Menge, es genügt ein kurzer Blick in die Suhrkamp-Gruft, die Rowohlt-Katakomben, die Fischer-Gräber. 350 Seiten lang rackert Michel Houellebecq sich ab, so etwas wie ein zivilisationskritisches Weltbild zusammenzuzimmern, für das eine halbe Seite leicht gereicht hätte...gereicht hätte" - Diesen Versuch bitte ich, selbst zu machen, und das bedeutet, das Buch zu lesen, um zu einer eigenen Einschätzung zu kommen. - "Dieses alles andere als originelle Weltbild ist, kurz gesagt, geprägt von Haß und Verzweiflung. [..] Um es klarzustellen: Ich habe nichts dagegen, wenn Leute eine schlimme Kindheit hatten und nicht schreiben können, aber es interessiert mich nicht besonders (eigentlich überhaupt nicht). Wäre es gut geschrieben, ließe ich mir fast alles gefallen, aber leider gehört Michel Houellebecq zur großen Gruppe von Autoren, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, und dem Roman schon gar nicht. [..] Genug. Michel Houellebecq ist im Euroraum der zur Zeit am meisten überschätzte Autor, und ich wage die Prognose, daß er sein Pulver [mit seinem dritten Buch, Anm. co] verschossen hat. Friede seiner Masche!" (Kees van de Verschredderen, www.lit-ex.de)

(Charles Ott)

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