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Tonspur

Tonspur vom 27.01.2013

Villagers - Awayland - Die Villagers kommen aus Dublin und haben 2010 ihr Debütalbum Becoming A Jackal veröffentlicht. Nun ist ihr neues Album Awayland zu haben. Der Sänger und Kopf der Villagers heißt Conor O’Brien und sieht dem Kopf der Bright Eyes, Conor Oberst, recht ähnlich und klingt auch so. Soviel zu den Basisinfos. Und jetzt kommt der Skandal: Ich maße mir an, dieses neue Album zu besprechen, ohne je auch nur einen Ton des Debütalbums gehört zu haben. Versprochen: das wird nachgeholt. Tatsächlich war ich bis vor kurzem einfach nie auf die Idee gekommen, die Villagers anzuhören. Wahrscheinlich fand ich das CD-Cover des Debüts nicht ansprechend genug oder es hat mich schlicht und einfach nie jemand genug motiviert, reinzuhören. Ganz anders hier. Ich las in meiner liebsten Musikzeitschrift von der Platte, war interessiert, hörte mir einen Song an und das Ding war gekauft. Dieser Song nannte sich The Waves und ist tatsächlich einer der herausragenden der CD: fröhlich elektronisch pluckert es und wabert es in einem ziemlich komplexen Song, der tiefsinnig… blubbert und am Ende zu einem regelrechten Ausbruch findet. Ganz wunderbar. Das ist der eine Pol der Platte. Der andere ist eine blütenreine Popperle namens Nothing Arrived, die mit Klavierbegleitung und hochtrabendem Text fast schon wieder kitschig ist. Aber sooo schön!
Ich habe gelesen, dass Awayland im Gegensatz zum Vorgängeralbum viel elektronischer ist und sogar Einflüsse von Kraftwerk zu hören sind. Die Villagers hatten es nach eigenen Aussagen einfach ein bisschen satt, immer die gleichen Songs live zu spielen, weshalb neue her mussten, die auch noch ganz neu klingen. Bis auf in The Waves hält sich die Elektronik allerdings ziemlich zurück, wie ich finde. Aber ich hab ja auch den Vorgänger nicht gehört, also schweige ich dazu.
Was feststeht: Conor O’Brien hat sich die Songs nicht mit der Gitarre ausgedacht, sondern mit allerlei elektronischem Werkzeug und Computerspielzeug. Den digitalen Ursprung hört man, wie bereits erwähnt, nur noch schwer heraus, oft werden Songs wie Judgement Call mit üppigen Bläsern fast schon orchestral ausgestattet. Aber ja, vielleicht kann die oft komplexe Rhythmik der Songs Hinweise auf ihre unorganische Entstehungsweise geben. Der letzte Song, Rhythm Composer, hat dann sogar schmachtende Motown-Bläser zu bieten und ist ungewohnt lässig und soulig. Sonst wohnt dem Album nämlich etwas grundlegend dramatisch-Melancholisches inne. Dafür sprechen all die Momente, in denen die Band mit einem imaginierten Orchester in Krach ausbricht.
Aber dafür spricht auch, was für mich zu einem weiteren Kaufgrund wurde. Irgendwie hat mich der Plattentitel mit dazugehörigem CD-Cover gleich erwischt und nachdenklich gemacht. Was das Awayland ist, welches der Platte ihren Namen gab, das lassen die Villagers nämlich offen. Ein Land, das immer dort ist, wo man nicht ist, anderswo eben. Auf dem CD-Cover sieht man einen kleinen Jungen von hinten, der in die Ferne blickt. Die Ferne, da sieht man Land, dazwischen Wellen und ein undefinierbares Geknöttel von bunten Dreiecksformen, die alles Mögliche bedeuten könnten. Man kann sich denken, dass der Junge nach Awayland rübersieht beziehungsweise Awayland sucht. Vielleicht fanden die Villagers auch einfach das Bild hübsch, aber der Blick ins Booklet verrät Anderes. Dort ist wieder der Junge mit dem Blick auf die Wellen, aber auch andere Bilder sind assoziativ angeordnet und greifen die bunten Dreiecksdinger auf, die mit den Wellen verschmelzen. Zahlreiche Naturbeobachtungen und Fragen nach dem Anderswo findet man dann auch in den Texten der Platte, auch wenn man nie ganz genau weiß, was eigentlich gemeint ist. Im ersten Song geht es passenderweise um einen Leuchtturm, in einem drin oder am Meer, das ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich geht es auch um Zweifel, Unglück und die Suche nach Auswegen, so klar ist das allerdings nie. Dass die Antworten in Awayland liegen, kann man sich denken, das gleichnamige Stück ist allerdings rein instrumental und gibt daher keine Auskunft. Mist. Vielleicht ist die Aussage dieses Albums, dass es Awayland nur gibt, um daran zu denken und in die Ferne zu schweifen, denn es ist ja away, weg, nicht hier. Vielleicht singt Conor O’Brien im Stück In A Newfound Land You Are Free ja von Awayland: in diesem neuen Land gibt es zwar auch Sorgen, aber immerhin ist man frei. Irgendwie auch nicht ganz befriedigend, keine Lösung, hm. Wer weitere Antworten für mein Sinnieren über Awayland hat, möge sie mir doch bitte mitteilen. In Sachen Musik gibt es zum Glück keine unbeantworteten Fragen, die ist nämlich wunderbar. Und ehe ich beim Texte interpretieren weiter im Dunkeln tappe, hören wir nun einfach oben erwähnte Popperle: Nothing Arrived.

(Laura Eigbrecht)

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