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Tonspur

Tonspur vom 10.02.2013

Nick Cave & The Bad Seeds - Push The Sky Away -
Als ich vor ein paar Jahren während meines Studiums in einem Soziologie-Seminar saß, meinte der Professor vermitteln zu müssen, dass das ja heute mit der Musik nicht mehr so sei, wie „zu seiner Zeit“. Sinngemäß sagte er: „Früher konnte man sich wenigstens noch mit den Bands identifizieren; schließlich gab es nicht so viele, und Fan sein hieß damals, dass man den Weg der Musiker mitgeht.“ So hätte man schließlich einen Fixpunkt, an dem man sich in seiner Entwicklung orientieren könne. Nun, ich für meinen Teil fand und finde das Argument ziemlich bescheuert, weshalb ich damals auch energisch widersprach. Schließlich, so meine Meinung, hatte er zwar recht damit, dass es heute anders ist. Die Vielzahl der Bands und vor allem der beinahe uneingeschränkte Zugang zu deren Musik ist aber sicher kein Nachteil für die Ausbildung eigener Identität. Vielmehr müsse man so nicht jeden noch so absurden „kreativen“ Wandel mitmachen; ob man will oder nicht. Die Alternativen lieferten vielmehr die Möglichkeit, sich frei(er) zu entfalten.
Zuletzt erinnerte ich mich immer wieder an diesen Dissenz, wenn Bands, die ich schon lange mochte, etwas taten, das mir nicht mehr gefallen konnte. So etwa Radiohead, die sich in ihrem Entwicklungsdrang unlängst in eine Sackgasse manövrierten, die sicher den Thom Yorke´schen Solo-Experimenten geschuldet ist. Ein anderes Beispiel sind Sigur Ros, die ich bisher immer genial fand, deren letztes Album aber – mit Verlaub – nur langweilt. Dagegen gibt es aber auch andere Beispiele, auf die ich mich einfach verlassen kann: allem voran Nick Cave.
Der Mann tingelt nun schon seit 37 Jahren mit Bands um die Welt, und was dabei entstanden ist, hat zumindest alles seinen besonderen Charme. Zunächst gab es da ab 1976 The Birthday Party, und 1983 gründete er mit The Bad Seeds die Band, die ich aus Altersgründen erst seit Mitte der Neunziger begleiten konnte. Mein erstes Album von denen waren die „Murder Ballads“, die mich bis heute begeistern, weil sie so herrlich trivial-böse sind. In „The Boatmans Call“ aus dem Jahr danach hört man jedem Ton an, dass Cave zu der Zeit mehr tot als lebendig war. Und das meine ich absolut im positiven Sinne, oder mit den leicht angepassten Worten von Anthony Mills gesprochen: „heroine made my favourite music“. Die Melancholie der Platte traf damals schließlich genau meinen pubertierenden Nerv in einer Zeit zwischen sich ständigem Neuverlieben und anschließendem Kummer. Kurzum: Ich kann diese Platte noch heute auswendig mitsingen und bin von Cave und den Bad Seeds nie wieder losgekommen.
Als Blixa Bargeld die Band 2003 verlies, dachten sicher viele – einschließlich ich –: Jetzt ist es aber aus mit der Herrlichkeit. Sicher, Bargeld fehlt irgendwie bis heute, aber die Band hat es geschafft, das zu kompensieren. Vor allem auch deshalb, weil mit Warren Ellis jemand diesen kreativen Part zunehmend ausgefüllt hat, der dem Sound mehr und mehr einen neuen, wunderbaren Stempel aufdrückt. Man denke nur an die Seitenprojekte von Cave und Ellis. Zu Grinderman muss ich sicher nichts mehr sagen; aber was liefen die drei wundervollen Soundtracks zu „The Assassination of Jesse James by The Coward Robert Ford“, „The Proposition“ und „The Road“ in meinem MP3-Player hoch und runter. Nur nebenbei sei bemerkt, dass die drei Filme auch großartig sind. „The Road“ dürften die meisten ja kennen. Zu „The Proposition“ hat Cave das Drehbuch geschrieben und in „Jesse James“ ist ein fantastischer Casey Affleck zu sehen. Einen Kurzauftritt hat dort auch Cave selbst. Man sieht ihn als das, was er vermutlich selbst gern gewesen wäre: ein Barde, mit Gitarre in einer Bar, die Geschichten der Outlaws und Mörderballaden singend. Und damit schließt sich auch der Kreis vom Anfang meiner Verbindung zu der Band bis zum aktuellen Album. Mit „Push The Sky Away“ liefern die Australier nämlich etwas ab, was exakt einigen meiner Erwartungen an sie entspricht. Cave erzählt spannende und berührende Geschichten, die von Mysterien, Kuriosem, Religion, Sex, Liebe bis zu bösen Rachephantasien reichen. Und nicht zuletzt zeichnet der Multiinstrumentalist Ellis dazu den Sound, der eindringlich vielschichtig und damit atmosphärisch passend klingt. Auf den Punkt bringt es Cave selbst, indem er resümiert: „Diese Platte fühlt sich irgendwie neu an, aber neu in einem Old-School-Sinne“.
Um nun auch Euch davon zu überzeugen, dass das alles so ist, wie ich hier fabuliere, kommt hier ein Vorgeschmack zur Platte, die ab dem 15. Februar auch käuflich zu erwerben ist. Wer 120 Euro übrig hat kann sich das Ganze dann auch in einer super Deluxe-Edition kaufen. Geht einfach mal auf offizielle Webseite. Unterdessen schaue ich mir Cave live an. Wie das war, erzähle ich dann beim nächsten Album.
Hier sind erstmal Nick Cave & The Bad Seeds mit „Jubilee Street“!

(Christian Faludi)

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