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Buchrezension

Buchrezension vom 11.03.2013

"Fahnenflucht" von Horst Bosetzky - Kriminalliteratur erfreut sich in den letzten Jahren durchaus immer größerer Beliebtheit. Meist liegt es daran, dass man sich zu später Stunde kurz vor dem Einschlafen doch noch ein paar Minuten gönnt, in denen man sich mit der Tragik oder den Problemen anderer beschäftigt. Das kann man ganz ohne Druck tun, denn es handelt sich dabei um fiktive Personen, bei denen es letztendlich nicht darauf ankommt, dass man eine Lösung dafür findet.
Krimi ist also in erster Linie Unterhaltung, auch wenn dem Genre eine ganz und gar unterhaltungsfremde Thematik zugrunde liegt.
Ganz nebenbei versuchen aber zahlreiche Krimiautoren immer mehr weitere Aspekte in einen Krimi hinein zu legen. Da werden mitunter sehr detailliert Milieus geschildert oder es wird sehr tief in die Psyche von Tätern wie Opfern eingetaucht – es eröffnen sich fremde Welten für eine große Schar von Leserinnen und Lesern.

Der inzwischen sehr renommierte Krimiautor Horst Bosetzky, der mitunter vielen nur mit seinem Kürzel -ky bekannt ist, hat sich nun einmal mehr mit einem so genannten Sozio-Krimi zu Wort gemeldet.
„Fahnenflucht“, so der Titel des im Gmeiner-Verlag erschienenen Buches, beschreibt die Abenteuer eines jungen Berliner Friseurs in der Zeit des ersten Weltkrieges.
Die Stadt ist geprägt von Massenstreiks, die Versorgungslage wird immer schlechter und die Kriminalität nimmt immer mehr zu. Vor allem die Kleinkriminalität. Dennoch kommt es hin und wieder auch zu größeren Verbrechen. In „Fahnenflucht“ erleben wir mit, wie sich der Friseur Louis Maleike, um dem Fronteinsatz zu entgehen, als Frau verkleidet und als Louise Schulz in einem Frisiersalon arbeitet. Da der dazugehörige Herrensalon kriegsbedingt geschlossen ist, kann Louis diesen als Quartier für sich benutzen. Seine Tarnung ist genial und nicht nur er fiebert dem Ende des Krieges entgegen. Doch eines Morgens entdeckt er in der guten Stube seiner Chefin die Leiche einer Kundin. Um den nun gestellten Fragen, die mit Sicherheit auch seine Tarnung in Gefahr bringen, zu entgehen, flüchtet Louis Maleike und – macht sich damit zum Tatverdächtigen Nummer Eins.

Der Roman von Horst Bosetzky birgt allerdings noch mehr als die Ermittlungen in einem Mordfall. Mit relativ knappen und dennoch sehr präzisen Beschreibungen zeichnet der Autor ein einprägsames Gesellschafts- und Stadtbild der damaligen Zeit. Die Leser lernen das damalige noch neue U-Bahn-Netz kennen, ebenso wie all die verschiedenen Typen, die um die Bahnhöfe herum leben oder es zumindest versuchen, es wird eingetaucht in die gut situierte Bürgerschaft des Kaiserreiches und wir erfahren auch, dass ein Staatsbeamter in Diensten der Kriminalpolizei nicht unbedingt ein Kaisertreuer sein muss. Zu Beachten ist „Fahnenflucht“ ist eine fiktive Erzählung. Zwar hat sich der beschriebene Mord in einem Berliner Frisiersalon tatsächlich ereignet, doch die damit verbundenen Figuren sind so nicht in Erscheinung getreten. Dennoch wirkt die ganze Szenerie sehr authentisch, immerhin hätte es ja so sein können. Obendrein blitzen immer wieder vor dem inneren Auge die Milieu-Zeichnungen eines Heinrich Zille auf. Letzteres wird unterstützt durch die zum Teil gewöhnungsbedürftige Berliner Schreibweise. Da manche Figuren in etlichen Situationen eben ihren eigenen Slang sprechen, muss er auch so geschrieben werden. Das ist zwar schwierig aber durchaus folgerichtig und, so meine ich, in diesem Fall weitestgehend gelungen.

Trotz seiner Berliner Szenerie ist „Fahnenflucht“ kein Regionalkrimi, wie wir ihn heutzutage oft geliefert bekommen. Vielmehr ist er ein, trotz allem Übels, unterhaltsames und gut zu lesendes Geschichtsbild.

"Fahnenflucht" von Horst Bosetzky
Kriminalroman
271 Seiten
Erschienen: Februar 2013
Paperback
ISBN 978-3-8392-1403-9
9,99 €

(Shanghai Drenger)

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