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Neulich im Netzwerk

Neulich im Netzwerk vom 12.03.2013

Es ist auch mein Land - Migration ist heute mein Thema. Aber eine andere, als Sie jetzt vielleicht denken.
Die Gesamtzahl der Vertriebenen und Flüchtlinge, die nach 45 allein in Westdeutschland eingegliedert werden, beläuft sich auf rund zwölf Millionen. Was die Zahlen für Ostdeutschland betrifft, dafür brauchen die Statistiker noch etwas länger. Den Deutschen fehlt es nach dem Krieg an allem. Sie sind vom Tod durch Erfrieren bedroht. Wer noch etwas zu tauschen hat, trennt sich auf dem Schwarzmarkt von seinen letzten Wertsachen. Wer nicht, zieht hamsternd über die Dörfer und schreckt sogar vor Diebstählen nicht zurück. Und in dieses Chaos strömen jetzt die Heerscharen aus den Ostgebieten. Im eisigen Winter 1946/47 treiben chronische Unterernährung und sprunghaft ansteigende Krankheiten die entwurzelten Massen erstmals auf die Straßen. In "Hungermärschen" machen sie verzweifelt gegen die überforderten Behörden Front.
Die Besatzungsmächte greifen hart durch: Wer die Neuankömmlinge diskriminiere und sich weigere, sie zu unterstützen, poltert General Clay, habe "empfindliche Strafen" zu erwarten. Weil die Verwaltung nichts tut, verschärfen die Alliierten ihre Methoden. Die Flüchtlinge werden notfalls unter Einsatz von Militärpolizisten und GIs untergebracht. Das Kontrollratsgesetz "Nr. 18" regelt fortan die Wohnraum-Zwangsbewirtschaftung. Keiner will etwas abgeben. Doch das ist nicht alles, was die Bauern im Harz oder in Thüringen so in Rage bringt, dass sie zur Mistgabel greifen oder mit ihren Hunden drohen. Stärker noch wiegt die Furcht vor dem Fremden an sich. Die Westmenschen fühlen sich von den "Rucksack-Deutschen", die in Rudeln ihre Felder belagern, regelrecht überschwemmt. "Polacken" werden die geschimpft oder verächtlich mit einer damals grassierenden Plage, den Kartoffelkäfern, verglichen. Die Neubürger üben sich in eine Art Doppelexistenz ein. Nur abends im privaten Kreis oder an Wochenenden auf den Versammlungen der Flüchtlingsvereine tauchen vor allem die älteren Jahrgänge in ihre schmerzlich vermisste Welt ab. Die Ethnologin Libuse Volbrachtová zeigt in einer einfühlsamen Betrachtung auf, wie Menschen, die plötzlich aus den ihnen vertrauten sozialen Bindungen gerissen worden sind, eine gespaltene Identität entwickeln. Die versuchten sich nun, notiert sie, in "zweierlei Heimat" einzurichten: Die eine stehe "fürs Herz, die andere fürs Leben". Die Bonner Regierung feiert in einem Bericht von 1982 den hochkomplexen Eingliederungsprozess der zwölf Millionen als einen "Vorgang ohne Beispiel". Für den ehemaligen Innenstaatssekretär Siegfried Fröhlich ist das "das eigentliche Wunder" der Nachkriegsgeschichte. Erschwerend hinzu kommen nämlich die vielfältigen Differenzen, die in der unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Struktur wurzeln. Der Professor aus Breslau landet in Apolda - oder die Familie aus dem ländlichen Masuren in einem der Industriezentren Nordrhein-Westfalens. Katholiken leben gedemütigt in ausgeprägt evangelischen Regionen, Protestanten in katholischen. Zwei Drittel der vorher selbständigen Flüchtlinge sind plötzlich Angestellte. Die Zahl der in ihrer alten Heimat lohnabhängigen Bevölkerung verdoppelt sich. Wer als Bauer Grund und Boden besaß, kann sich oftmals nur als Landarbeiter verdingen. Der Herr wird zum Knecht.
Auch aufgrund dieser Geschichte werden bis heute auf Wunsch des Bundestages umfassende statistische Daten gesammelt über Migration. Ich hab ein paar Beispiele aus dem letzten Migrationsbericht: In 2011 kamen insgesamt ca. 960 000 Personen nach Deutschland, etwa 680.000 zogen weg. In Deutschland gibt es derzeit 0,7 Asyl-Antragsteller pro 1.000 Einwohner. 54,7% der Asylanträge werden hierzulande abgelehnt. Ein Beispieltag: 31.12.2011, an diesem Tag gab es hier: 62.680 Asylbewerber, 43.185 Asylberechtigte, 70.033 anerkannte Flüchtlinge. Das ist ein Bruchteil der Menschen, die nach 45 in Deutschland aufgenommen wurden. Und sie kommen heute in ein reiches Land. Nicht in eines, das vom Krieg zerstört ist, in dem die Menschen Hunger leiden. Keiner muss sie in sein Haus aufnehmen. Es geht nur um ein wenig Offenheit, Respekt und Menschlichkeit. Gestern hab ich mit meinem Kind die „Toten Hosen“ gehört. „Es ist auch mein Land“ singen sie da. Und genau das ist es. Ich will, dass Fremde hier mit Respekt behandelt werden. Und alle Leute, die ich kenne, wollen das auch. Warum tut das eine demokratisch gewählte Regierung dann nicht? Sollten die Damen und Herren in Berlin nicht dem Willen des Volkes entsprechen? Sollten sie nicht eigentlich in unserem Auftrag handeln?


Quellen:
Migrationsbericht der Bundesregierung 2013
Spiegel online

(Grit Hasselmann)

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