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Kommentar

Kommentar vom 04.06.2013

"Guck mal, da schwimmt einer!" - Tausende kämpfen verzweifelt gegen das Wasser, viele Menschen haben alles verloren, es gibt sogar Tote. Es ist nicht abzuschätzen, wie viele Tiere in der Flut gestorben sind.

Die Feuerwehr versucht, zu retten, was zu retten ist. Und schafft es nicht allein. Die Bundeswehr muss helfen. Genau wie Hunderte Nachbarn, Freunde, Bekannte oder Unbekannte.

Auch in Weimar wurden Sandsäcke gefüllt, wurde versucht, das Schlimmste zu verhindern.- Aber im Vergleich zu anderen Orten haben wir Glück gehabt. Sicher, es gab ein Verkehrs-Chaos.

Die Brücken waren gesperrt, Busse fielen aus oder wurden umgeleitet. Und die öffentliche Kommunikation lief eher schleppend. Dafür gab es tolle Wasser-Fotos im Netz.

Aber als es wirklich ernst wurde, halfen die Weimarer lieber, als Fotos zu machen. Das war in den Orten, die richtig schwer vom Hochwasser betroffen waren, leider anders.

Die Menschen dort sind wütend. Immer mehr Schaulustige, so genannte Hochwasser-Touristen, strömen zu den Katastrophengebieten. Nicht nur, dass sie dort die Helfer bei ihrer Arbeit behindern, sie bringen auch sich selber und andere in Gefahr.

Ihre Autos versperren Zufahrten, Sie trampeln sogar auf der Suche nach dem besten Platz die aufgeweichten Deiche nieder.

Leipzig bereitet sich auf das schlimmste Hochwasser seit 150 Jahren vor. Und trotzdem findet man massenhaft Schaulustige in den gesperrten Bereichen. Es gab sogar Leute, die die Absperrungen einfach abgerissen haben. Selbst Familien mit kleinen Kindern sind dabei.

Die Helfer sind genervt, die betroffenen Anwohner einfach nur wütend. Warum machen Leute das? Warum gibt es, wenn es auf der Autobahn richtig schlimm gekracht hat, kurze Zeit später auch Unfälle auf der Gegenspur – verursacht von Gaffern. Warum können nicht einmal ernste Katastrophen den Voyeurismus der Menschen stoppen?

Ist es menschlich? Nichts gegen Neugier. Aber was soll diese Sensationslust? Reicht es nicht, wenn jedes Kamerateam die besten Bilder will? Wenn überall im Netz schon Hochwasser-Fotos und Videos auftauchen?

Das Phänomen der Schaulust hat es zu allen Zeiten gegeben und ist auch in allen Kulturen zu finden, man denke nur an die Gladiatorenkämpfe, Hexenverbrennungen oder den Pranger. Unterhaltung fürs Volk.

Manche interpretieren die menschliche Schaulust als das Produkt eines “Sicherheitstriebs”. Durch das neugierige Erforschen von Unbekanntem gewinnt der Mensch an persönlicher Sicherheit.
Daher suchen Schaulustige nicht nur den Nervenkitzel, sondern unbewusst auch Informationen um die Gefahr zu verringern, einmal selbst in eine solche Situation zu geraten.

Das Betrachten grauenvoller Bilder in seriösen Nachrichtensendungen gilt übrigens in unserem heutigen Normgefüge mehrheitlich als durchaus akzeptabel, hingegen verurteilt man das Gaffen auf einer Brücke bei einem Hochwasser oder Massenunfall als eher unmoralisch.

Der Voyeurismus bezieht sich laut Definition eigentlich auf das Beobachten von Menschen beim Sex. Inzwischen wird er aber auch auf Katastrophen-Gaffer angewendet. Erregt sie das Leid der Opfer? Ist es der Nervenkitzel, wenn man von den Fluten bespritzt wird, die ganze Häuser wegreißen? Oder ist es dieses Gefühl von: „Zum Glück bin ich sicher“?

Wie auch immer. Es ist furchtbar, sich am Leid anderer oder an Katastrophen zu ergötzen. In vielen Orten werden die Hochwasser-Touristen jetzt zur Kasse gebeten. Sie müssen auch unnötige Rettungseinsätze bezahlen. Fast möchte man ihnen wünschen, selber in ernste Gefahr zu geraten, damit sie beim nächsten Mal ihre Schaulust lieber am Fernseher befriedigen. Aber ich lasse es. Denn dann wäre ich ja nicht besser als sie.

(Grit Hasselmann)

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