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Kommentar

Kommentar vom 05.10.2007

Wasser Marsch für sozialpolitische Kontrollfreaks - Nächstens wird es in den Schlagzeilen heißen: „Wieder Kind verhungert – haben die Wasserwerke versagt?“ Denn wenn es nach Minister Klaus Zeh ginge, sollen die Außendienst-Mitarbeiter der rund 600 Thüringer Wasserversorger künftig nicht mehr nur ihren angestammten Job des Zählerablesens erledigen, sondern in den Haushalten ihres Einzugsbereichs auch noch nach dem Rechten sehen. So sollten sich Bürger gerade in sozialen Brennpunkten nicht wundern, wenn der Wasser-Ableser demnächst ihre Kinder so intensiv fixiert und unaufgefordert in den Arm nimmt – er tut nur seinen neuen Job, nämlich die Kleinen auf sichtbare Mißhandlungsspuren und verdächtige Verletzungen zu scannen. Kein Grund, gleich bei Polizei und Jugendamt wegen des Verdachts der Belästigung anzurufen. Nein, im Gegenteil, das erledigt der wackere Außendienstler ganz von selbst: er meldet seine Erkenntnisse beim Jugendamt, kurz bevor er die mögliche finanzielle Krise durch Abdrehen der Wasserversorgung auf die Spitze treibt. Aber keine Sorge: dafür liegt den säumigen Kunden und Eltern der Kinder dann ein amtliches Merkblatt vor, in welchem den verdutzten Eltern mitgeteilt wird, wie sie trotz Wassermangels ihre Kinder vor dem Verdursten retten können – nämlich indem sie sich beim Jugendamt melden. Auch eine schöne Vorstellung: der ohnehin chronisch überforderte Jugendamts-Mitarbeiter geht ans Telefon und bekommt zu hören: „Ja, guten Tag, ich kann meine Wasserrechnung nicht zahlen.“

Aber im Ernst: es geht kein Aufschrei durch den Freistaat ob derartiger abstruser Ansinnen aus dem Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit. Man hält es für völlig normal und dem „guten Zweck“ dienlich, nicht geschulten, noch gesetzlich befugten, fachfremden Mitarbeitern eines technischen Dienstes eine sozialarbeiterische Bürde aufzuerlegen, welche im Kern einem sozialen Überwachungsauftrag gleich kommt. Und weil auch der Thüringer Datenschutzbeauftragte wegen des positiven Charakters dieses Verstoßes gegen die grundgesetzlich immer noch garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung keine Bedenken hat, wird der abenteuerliche Vorschlag allenthalben ohne Murren durchgewunken. Schon die Presseaussendung des Ministeriums liest sich derart naiv und unausgegoren, dass man sich wirklich fragt, welchen Schwachsinn sich eine Behörde noch ausdenken muss, um leisen Widerspruch auszulösen. Da heißt es in einer küchenpsychologischen Analyse: „Misshandlungen und Vernachlässigungen von Kindern sind oft Ergebnis von Krisen in Familien (…). Auslöser können persönliche Entwicklungs- und Lebensabschnitte sein, wie zum Beispiel die Geburt eines Kindes, ein Arbeitsplatzwechsel, der Beginn oder das Ende einer Partnerschaft…“ Und dann kommt eben noch die offene Wasserrechnung hinzu - und das ganze Schlamassel nimmt seinen Lauf.

Abgesehen davon, dass weder die Geburt eines Kindes, ein Arbeitsplatzwechsel, der Beginn einer Beziehung oder ein persönlicher Lebensabschnitt in der Regel nicht negativ konnotiert sind oder als klassische Indikatoren für Kindsmisshandlung gelten, offenbaren die ministeriellen Formulierungen ebenso wie die völlig unsachgemäßen Lösungsvorschläge eine alarmierende Überforderung und nicht minder alarmierende Sorglosigkeit im Umgang mit der Intimsphäre von Wasserkunden.

Es scheint wesentlich wahrscheinlicher, dass der soziale Abstieg durch die Arbeitsmarktreform, durch Arbeitsplatzverlust und Hartz IV – wir haben immer noch rund 15 Prozent Arbeitslosigkeit – und durch weitere soziale Belastungen durch sinkende Löhne und steigende Lebenshaltungskosten zu unbezahlten Energie- und Wasserrechnungen führen, zu Kindsmißhandlung führen sie nicht zwingend. Das Problem ist viel komplexer und bedarf immer einer sozialpsychiatrischen Komponente, die vom Einkommen zunächst unabhängig ist. Das sind Probleme, die durch den Besuch eines sicher sozial auch nicht übermäßig avancierten Wasserwerks-Mitarbeiter einmal im Jahr nicht andeutungsweise überblickt werden können. Oder wie oft kommt der Abzähler bei Ihnen vorbei? Aber lassen Sie sich stets den Mitarbeiter-Ausweis des Wasserwerkes zeigen!

Wer mit einem Jugendamts-Merkblatt gegen die Krisen wegen der Geburt eines Kindes vorgehen will und dafür die Wasser-Abzähler einspannen will, sollte sich vielleicht besser anderen Aufgaben widmen. Zum Beispiel der Wasserversorgung selbst. Aber wo bleibt der Protest der Wasser- und Energieversorger, der Jugendämter und Sozialarbeiter gegen derart haarsträubenden Aktionismus zwischen Sozialschnüffelei und wässriger Wohlfahrtspoltik. Oder ist der Gedanke eines menschlichen „Trojaners“ in Person des Wasserwerkers ein solche Verlockung für sozialpolitische Kontrollfreaks?

(Friedrich Burschel)

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