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Kommentar

Kommentar vom 27.08.2013

Wahrheit und Wahrhaftigkeit - Die Wahrhaftigkeit wendet sich nach innen. Sagt zumindest . Otto Friedrich Bollnow
(„Wahrhaftigkeit“, OTTO FRIEDRICH BOLLNOW, erschienen in der Zeitschrift „Die Sammlung“, 2. Jahrg. 1947, Heft 5/6, S. 234-245)
Die Unwahrhaftigkeit setzt demnach da ein, wo der Mensch sich selbst etwas vormacht. Wo er auch sich selbst gegenüber nicht zugibt, dass er lügt. Und am Schlimmsten wird es, wenn er sich die Verhältnisse so zurecht legt, dass er seine Aussage und sein Verhalten verantworten zu können glaubt.
Und wer von uns hat das nicht schon getan. Ich muss für Beispiele gar nicht in die Politik gehen. Sollte ich in Wahlkampfzeiten wohl auch nicht. Ich bleibe lieber privat:
Da sagt eine Frau „Ich bin unglücklich in der Beziehung, kann ihn aber nicht verlassen wegen der Kinder“. Das ist sicher objektiv gesehen keine Lüge. Aber ist es wahrhaftig? Hat sie nicht vielmehr Angst vor einem Neuanfang? Fürchtet sie nicht eher das Alleinsein? Ist sie nicht vielleicht sogar einfach zu bequem zu gehen? Und benutzt sie die Kinder, um ihre Unwahrhaftigkeit zu verbergen? Und wenn das so ist, was tut sie den Kindern damit an? Ist nicht die Wahrhaftigkeit die wichtigste aller Tugenden? Das, was man als einziges wirklich braucht zum Glücklichsein?
Schon in der deutschen Pädagogik der Aufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde die Wahrhaftigkeit als eine Grundforderung betrachtet. Philosophisch betrachtet verbinden sich Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit mit dem in allen Menschen vorhandenen Gewissen. Nur wer wahrhaftig ist, also sich selbst gegenüber ehrlich und offen, kann aufrichtig sein.
Albert Schweitzer sieht in der Wahrhaftigkeit vor allem die Treue zu sich selbst: Ich zitiere: „Tatsächlich aber ist es die Ehrfurcht, die wir unserem eigenen Dasein entgegenzubringen haben, die uns anhält, uns immer selber treu zu bleiben, indem wir auf jede Verstellung, von der wir in dieser oder jener Lage Gebrauch gemacht hätten, verzichten, und im Kampfe, durchaus wahrhaftig zu bleiben, nicht erlahmen.“
(Albert Schweitzer: Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 31.)
Jemand ist wahrhaftig, wenn er aufrichtig ist und handelt, also das tut, wovon er überzeugt ist. Ob seine Überzeugung richtig, also wahr ist, spielt dabei keine Rolle.
Und was sich hier so einfach schreibt, liest oder hört ist so unendlich schwer. Deshalb schreibt Schweitzer wohl auch vom Kampf um die Wahrhaftigkeit. Sich selber etwas vor zu machen ist da schon einfacher.
Da sagt ein Mann: „Ich habe kein Alkoholproblem. Was ist schon dabei, wenn ich nach der Arbeit ein-zwei Gläser Wein trinke, um abzuschalten“. Auch das mag objektiv wahr sein. Doch natürlich weiß der Mann, dass es jedes Mal eine Flasche ist. Und dass er die täglich entsorgt, beweist das.
Und natürlich weiß er, dass er ohne diesen Wein nicht imstande ist, mit seinen Kindern zu spielen, mit seiner Frau zu reden und ganz normal zu funktionieren. Doch anders als die Frau vorhin zerstört er nur sich selber.
Denn sie macht ja ihre Kinder verantwortlich für ihr Unglück. Ihre fehlende Wahrhaftigkeit zerstört die kleinen Seelen mehr, als es eine Trennung je könnte.
Ein Pfarrer hat mal zu mir gesagt: „Kinder wachsen gesünder mit einer glücklichen, getrennten Mutter auf, die mit sich selbst im Reinen ist, die zu dem steht, was sie empfindet, die wahrhaftig ist als mit einer, die eine Lüge lebt und dabei immer mehr versteinert innerlich.“
Denn Kinder empfinden den Unterschied zwischen Wahrhaftigkeit und Heuchelei. Sie kennen die Definition nicht. Sie wissen auch oft noch nicht, was richtig ist und was falsch. Aber sie spüren, ob jemand sich selber etwas vormacht.
Und da will ich noch einmal zu Otto Friedrich Bollnow zurück: Er hält Erziehung zur Wahrhaftigkeit für unverzichtbar. Sie muss, so sagt er, den einzelnen Menschen zu einem Ethos unbedingter Wahrhaftigkeit hinführen. Aber (und da geht es nicht so ganz ohne die Politik), sie ist auf der andern Seite ebenso sehr eine Angelegenheit der Ordnung der öffentlichen Verhältnisse. Denn Voraussetzung für Wahrhaftigkeit ist es, dass die freie Entscheidung des einzelnen Gewissens respektiert wird, wie immer diese ausfallen mag.
Richtig und falsch sind dafür keine geeigneten Kategorien. Ob der Mann säuft oder nicht, ob die Frau ihren Mann verlässt oder bei ihm bleibt – das ist deren Sache. Nur dann, wenn ihre Entscheidung nicht bewertet wird, werden sie imstande sein zur Wahrhaftigkeit. Nur dann wird sie zu ihren Kindern sagen können: „Ja, ich bin unglücklich, aber ich bleibe hier, denn allein wäre ich noch schlimmer dran.“ Und diese Wahrhaftigkeit wäre gut für die Frau und für ihre Kinder. Und vielleicht wäre sie dann sogar weniger unglücklich.
Und darum, so Bollnow, schließt die Erziehung zur Wahrhaftigkeit zugleich die Erziehung zur Duldsamkeit ein. Es geht darum, auch bei anderen Menschen die freie Meinungsäußerung zu achten. Nur wer das kann, wird es auch sich selber zugestehen. Wahrhaftigkeit und Toleranz entsprechen einander.

(Grit Hasselmann)

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