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Tonspur

Tonspur vom 16.09.2013

Babyshambles - Sequel to the Prequel -
Wer meine Tonspur-Beiträge vergangener Monate verfolgt hat, der dürfte festgestellt haben, dass ich diese Rubrik gern auch dafür nutze, um Phänomene der Musikindustrie zu besprechen. Das Titel-6-Gesetz müssten die meisten daher mittlerweile kennen, das Genre-Schubladen-Gezerre geht nicht nur mir, sondern auch den Lotte-Kollegen tierisch auf die Nerven und Klischees sind…naja, Ihr wisst schon. Heute soll es aber um etwas anderes gehen: nämlich das Phänomen des Rezensionskreislaufes.
Inspiriert durch ein Gespräch mit der Kollegin Juli, habe ich mich an meine heutige Aufgabe – die da hieß, das neue Babyshambles-Album zu besprechen – mal auf eine andere Art angenähert. Normalerweise höre ich mir das Album zuerst mehrfach nacheinander an. Das passiert meist zuerst am Schreibtisch, dann im Auto und dann mit Kopfhörern unterwegs. Entweder habe ich dann ein Gespür für die Platte, oder nicht. Habe ich eines, geht’s weiter mit ein paar Recherchen zum Entstehungshintergrund. Habe ich die, werfe ich diese mit den Höreindrücken in meinen Erfahrungstopf, rühre alles um und schütte das anschließend auf Papier. Diesmal – wie gesagt – war´s anders. Diesmal habe ich mir jede Menge Rezensionen zur Platte besorgt, diese gelesen und verglichen und erst danach das Album angehört.
Obwohl ich das Phänomen des Rezensionskreislaufes ja schon kannte, war ich nunmehr von der Einfallslosigkeit vieler meiner Kollegen doch wirklich überrascht. Irgendeiner fängt damit an, ein Schema der Besprechung vorzugeben, der nächste übernimmt das, schreibt es weiter, schmückt es aus und am Ende treffen sich alle wieder in einem einhelligen Bewertungstenor. In diesem Falle läuft das so: Die Babyshambles werden auf den Frontmann Peter Doherty zusammengeschrumpft. Das macht zwar insofern Sinn, wenn man bedenkt, dass er das kreative Alphatier der Band ist. Jedoch wird hier ein anderer Zweck verfolgt. Denn der Einstieg lässt sich so im Sinne der Yellow Press auf Eskapaden reduzieren. Die Folge ist ein Schwadronieren in der Vergangenheit Dohertys; das Aufzählen von Drogeneskapaden, Model-Freundinnen, verpatzten Auftritten, den Tod der Winehouse, Einbrüchen, Diebstählen, Gerichtsprozessen und so weiter und so fort… Anschließend distanziert man sich - mehr oder weniger geschickt - wieder von dieser Art der Berichterstattung und verkündet, dass man es ja schon immer gewusst habe, welches Talent in Doherty steckt, ja wie genial er sogar mitunter schon immer gewesen sei; nur um sich daraufhin doch wieder darüber zu wundern, dass er im Gegensatz zu „schlampig produzierten Vorgängern“ und mit der Vergangenheit ein so „aufgeräumtes“ Album machen konnte. Erklärt wird sich das dann gleich selbst von einer Reihe von Rezensenten damit, dass er musikalisch bei sich selbst „geklaut“ habe. Und damit nicht genug, wird nun auch noch die „wundersame Genesung des Patienten Indie-Pop“ gefeiert. Klingt paradox? Ist es auch!
Ich versaue nun sicher niemanden die Spannung, wenn ich vorwegnehme, dass sich das oben berichtete überhaupt nicht mit meinem eigenen Höreindruck deckt. Um es deutlich zu sagen: Ich wünsche mir den alten Pete Doherty zurück. Den, der nicht mit Peter angesprochen werden wollte, der nicht aufs Land gezogen ist und nun für die Kamera Purzelbäume auf der Wiese macht, der nicht mit August Diehl Filme dreht, der bei dem man nie wusste, ob er auch wirklich zu seinem Konzert kommt oder ob er überhaupt noch lebt, von dem noch echte Rock´n´Roll Geschichten im Umlauf waren und der vor allem noch rotzigen Rock machte.
Das neue Album der Babyshambles mit Namen „Sequel to the Prequel“ fällt für mich gegenüber seinen Vorgängern „Down in Albion“ und „Shotters Nation“ deutlich ab. Es klingt gar nicht „aufgeräumt“ und erst recht nicht homogen. Es fehlen auch der Charme und das Charisma vergangener Tage. Irgendwie klingt vieles nach Dohertys Solo-Album „Grace/Wastelands“. Die sogenannte „Wundertüte unterschiedlicher Stile“, die derzeit so gefeiert wird, nervt mich persönlich. Country-, Ska- und Reggae-Einflüsse geben sich hier teilweise so uninspiriert mit lallendem Gesang die Klinke in die Hand, dass ich das Gefühl habe, hier hat jemand alles produzierte B-Seiten-Material vergangener Jahren einfach in ein Album mit guten Songs gepresst.
Aber es gibt auch Lichtblicke, die jedoch kurioserweise erst mit dem Ende der Platte deutlich werden. Dementsprechend ist auch der eigentliche Schlusstrack „Minefield“ einer der echten Höhepunkte. Hätte man die drei letzten Bonustracks der Special-Edition mit auf die eigentliche Platte gepackt und dafür die Stilverirrungen ins Bonusprogramm, wäre sicher ein guter Nachfolger für „Shotters Nation“ entstanden. Aber was weiß ich schon, macht euch einfach selbst ein Bild: Hier sind die Babyshambles mit einem der Bonustracks: „The Very Last Boy Alive“...

(Christian Faludi)

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