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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 20.03.2005

Alexander Osang: Die Nachrichten - Alexander Osang, 1962 geboren, ist Journalist und hat einen Roman geschrieben. Sein Buch erregte Aufmerksamkeit, weil es aktueller erschien als das wirkliche Leben: eine deutsch-deutsche Geschichte, die dem Leser in späteren Tagen noch oft wieder begegnen sollte. Das Buch hieß "Die Nachrichten" und erzählte uns von Jan Landers, vom Wettermann im Lokalfernsehen zum Tagesschausprecher aufgestiegen - zu jener Figur also, die uns jeden Tag in der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes die wahrsten Ereignisse verkünden soll. Doch plötzlich ist ein Gerücht da. Es heißt, Landers habe für die Staatssicherheit gearbeitet. Augenblicklich suspendiert und von einem auf den anderen Moment sich selbst überlassen, wird er mit der eigenen, beinahe fast verdrängten - weil banalen - Vergangenheit konfrontiert, mit ihren Orten, Ereignissen und Menschen. Menschen, die kamen und gingen und für Landers nur Stufen auf der Leiter nach oben waren. "Die Nachrichten" - ein Gesellschaftsroman über die Jahre nach der sogenannten "Wende", über Aufbruch und Stagnation, über individuelle Veränderungen und Wandlungen und über den Verlust von Illusion und moralischer Unschuld.

Osang, selbst aus dem Osten stammend, berichtet derzeit für den "Spiegel" aus New York, er kann auf eine erfolgreiche Laufbahn als Reporter, Chefreporter und Kolumnist, auf Preise und mehrere veröffentlichte Bücher zurückblicken. Er schreibt unterhaltsam, spontan und direkt. Er gibt uns keine Menschenportraits im eigentlichen Sinne, eher Momentaufnahmen, in denen die Figuren viel von sich preisgeben - jedoch erst, wenn man genau hinschaut oder hinhört. Und so ist die erste richtig eindrucksvolle Stelle des Buches diese: Landers' über mehrere Minuten hinweg dauernder innerer Monolog, der sich real in den nur wenigen verbleibenden Sekunden bis zum Gongschlag um 20:00 Uhr ("Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau") auf dem Sprecherstuhl abspielt.

Angesichts des Buchtitel und diesem Einstieg in die Geschichte gerät man leicht auf eine falsche Spur, denn in "Die Nachrichten" geht es weder um schmutzige Machenschaften hinter Kamera oder den Leistungsdruck in einer der wichtigsten Redaktionen Deutschlands, gar um Konkurrenzkampf, Neid und Eitelkeiten der schillernden Figuren auf der Mattscheibe, noch um das "Machen" von Nachrichten und den "wahren" Geschichten dahinter, allenfalls geht es um das Spannungsfeld zwischen der Maske des Vorlesers und dem Menschen dahinter. Davon bekommt man aber genug: die Außensicht auf den großartigen Bundesverkünder, der durch die öffentlich-rechtlichen Korridore streift und hoffentlich bald auch zum Medien-Jet-Set gehören wird und gleichzeitig die zum Teil recht dürftige, fast tragische Innenansicht dieses Nachrichtensprechers, der mit dem zu kleinen Kinn, der nicht standesgemäßen Mietwohnung und mit Herkunft und den Eltern hadert, die er als peinlich empfindet. Und das ist thematisch mit Sicherheit interessanter als ein weiterer Medien-Thriller.

Natürlich ist auch das geteilte Deutschland ein Thema. Aber das Buch ist eben mehr der tägliche Wahnsinn des Menschen in und außerhalb der Fernsehanstalt und transportiert das "Ost-West" immer durch die Gedanken eines Jan Landers. Diese seltsamen bis heute unfaßbaren Ost-West-Unterschiede werden dargestellt anhand der Beziehungen eines Aufsteigers zu seinen (zurückgelassenen) Freunden, den Freundinnen, in der Entfremdung zu Eltern, zu Land und Leuten seiner Heimat. Das kommt manchmal auch ein wenig einfach daher, aber eben so anspruchslos wie Landers selbst, beziehungsweise so verzweifelt in seinem Wollen, etwas darzustellen, etwas darstellen zu müssen und dabei nichts zu sein - nichts weiter als der "Vorleser" mit dem abwechselnd hellblauen und hellrosa Papieren in der Hand, ein Mann, der zwar ein Gesicht hat, aber keine Beine. 'Er fand Sushi roh und Mozzarella geschmacklos. Er wusste nicht, welches die richtigen Bücher waren, also kaufte er die, die auf der Bestsellerliste standen, zumindest die ersten drei Plätze. Er hatte sich in Theatern gelangweilt. Es war wie dieser Abba-Wahn. Plötzlich fanden alle Abba gut, ohne dass es dafür Gründe gab. Er verstand nicht, warum seine Kollegen nach Mallorca fuhren, wo es doch gestern noch als Karikatur des deutschen Urlaubsortes galt.'

In der "Zeit" war zu lesen, man könne sich Jan Landers als eine Mischung aus Jan Hofer, Jens Riewa und Kai Pflaume vorstellen. Diese durchaus auf der Hand liegenden und mit Sicherheit gewollten Ähnlichkeiten (vor allem zu Jan Hofer, Tagesschausprecher und Moderator in einer NDR-Talkshow) und mehr noch das damals recht verhaltene Echo darauf verblüffen, denn spätestens seit Martin Walsers "Tod eines Kritikers" ist bekannt, wie Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses reagieren, wenn sie meinen, sich in Literatur wiederzuerkennen.

Jan Josef Liefers liest die Figur des Jan Landers sehr überzeugend. Gewissermaßen "tragen" Liefers Stimme und sein Erzählstil durch die Geschichte, machen Landers authentisch, besonders auch an jenen Stellen des Wechsels von Gedankenwelt zum Tagesschau-Bild und zurück. Spätestens allerdings wenn die dritte der sechs CDs rotiert, findet man eines reichlich anstrengend: das Konzept, den Song "Stairway to Heaven" in verschiedenen Variationen als Leitfaden immer wieder zwischen die Kapitel zu stellen - dafür gibt es zwar einen guten Grund und gegen Ende auch einen Aha-Effekt, aber der löst sich auch schnell wieder auf und rechtfertigt nicht das allzu häufige Einfügen dieser Melodie, wodurch sie schlicht zu präsent wird - ein akustisches Hörbändchen, mehr nicht. Ebenso ganz knapp an der Grenze zum übermäßigen Gebrauch sind Landers Mantren der Art 'Ich will mich doch erinnern an das, was man mir vorwirft, aber ich kann es nicht!' Einerseits nimmt es ein wenig die Spannung aus der Geschichte, andererseits wissen Leser und Hörer ja bereits, mit welchen Gedanken Jan Landers vornehmlich beschäftigt ist.

Es gibt ein Happy End, aber Osang greift zu einem Trick: Nach dem privaten Happy End kommt noch ein in Sorglosigkeit gepacktes Show-Ende, das die Hauptperson schonungslos entlarvt.

Alexander Osang "Die Nachrichten"
gelesen von Jan Josef Liefers,
2001 Der Audio-Verlag,
Box mit 6 CDs und einem Interview mit Dagmar Berghoff im Booklet

(Charles Ott)

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