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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 17.04.2005

Roland Schimmelpfennig: Vorher/Nachher - Wir hören von Menschen, die auf der Durchreise sind. Zunächst aber sind sie angekommen: in einem Hotel. Sie kamen allein oder zu zweit, bleiben hier eine Weile, wir belauschen sie durch die Wände, wir sehen ihnen zu - dort passiert gar nichts, hier endet ein Leben im Hier und Jetzt. Handlungen spitzen sich zu, und sei es nur im Selbstgespräch. Und irgendwann werden diese Menschen wieder abreisen, gelöst, vielleicht glücklicher, vielleicht unglücklicher als vorher, getrennter Wege gehend oder gemeinsam, gar ganz unverändert.

Wir als die Zuhörer sind vor Ort, wir treffen Geschäfts- und Eheleute an, junge und alte. Das Ehepaar unterhält sich wie man es kennt von jedem Ehepaar in jedem Zimmer nebenan. Auch surreale Szenen gibt es: ein dünner Mann krabbelt gleich einer Spinne über seine Zimmerwände, ein unsichtbarer, tödlicher Organismus aus einer geräuschlosen Welt wird von einem Jäger gejagt, ein Mann verschwindet in einem Wandgemälde, aus dem er nicht wieder herauskommt. Alle haben eines gemeinsam: ganz gleich, was passiert, nie gibt es ein Zurück, das Zurück zum Ausgangspunkt.

"Vorher/Nachher" läßt uns scheinbar ziellos durch die Zufälligkeiten des Alltags schweifen - zusammengeführt an einem Ort in zwei Dutzend Zimmern des gleichen Hotelkomplexes. Einundfünfzig mal bleiben wir stehen und verweilen (nicht allzu lang) bei Menschen, die einsam sind oder einsam zu zweit, die nachdenken, sich erinnern oder vor etwas fürchten, Liebe machen oder doch lieber miteinander streiten. Wir gehen weiter, kommen eine ganze Weile später noch einmal vorbei - was inzwischen geschah, erfahren wir nicht. "Lakonische 'short cuts' [..], die [Roland] Schimmelpfennig monologisch oder dialogisch, oft auch einfach in Prosa verfaßt hat. Das alles ist sorgfältig und wundersam steigerungslos zueinander gelegt wie lauter Blütenblätter zu einem Mandala." (Eva Behrendt, in: Theater Heute, 01/2003)

Roland Schimmelpfennig also ist der Autor. Wer ist dieser Schimmelpfennig? "1967 in Göttingen geboren, zählt mit seinen Hörspielen ('Krieg der Welten', 2000) und Theaterstücken ('Die arabische Nacht', 2001) zu den erfolgreichsten und interessanten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren." (Quelle: CD-Booklet)

'Vorher/Nachher' wurde als 'szenische Hörspiel-Lesung' im Rahmen der 'Frankfurter Positionen 2001' uraufgeführt und aufgezeichnet - ungeschnitten also, eine Live-Aufnahme. Und wenn man genau hinhört, dann bemerkt man das auch. In der szenischen Lesung von "Vorher/Nachher" gehen Sprechtext und Regieanweisungen ineinander über, werden eins. Darüber hinaus sind die Sprecher äußerst überzeugend, Traugott Buhre gibt ein ums andere Mal den kauzigen Mann, während Rosemarie Fendel mit ihrem gedämpften Alt die Desillusionierung ihrer Figur einfängt. Alle Nebengeräusche des Publikums, aber auch das Atmen, das Räuspern der Sprecher sind deutlich zu hören, was - abgesehen vom Text - den Hörer zusätzlich sehr unmittelbar zum Teil des Geschehens macht. "Auch wiederholt die letzte kapriziös die erste Szene und schließt demonstrativ einen irgendwie buddhistischen Kreis um die irdischen Leidenschaften." (Eva Behrendt, in: Theater Heute, 01/2003)

Roland Schimmelpfennig, "Vorher/Nachher"
Szenische Lesung, DoCD
Hessischer Rundfunk 2001

(Charles Ott)

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